Terminologie der Erzähltheorie

Prof. Dr. Albert Meier
Einleitung zur Erzähltheorie

Goethe definiert das Epos als die „klar erzählende“ (Goethe 1994, S. 206) Dichtkunst – klar insofern, als die Erzählung von − vergangenen! − Ereignissen Zusammenhänge und Kausalität deutlich werden lässt, ohne von Affekten getrübt zu werden. Leitfrage ist: Wer spricht? = von wem geht die Erzählung aus bzw. wer hat die Kontrolle? Peter Handkes Don Juan (erzählt von ihm selbst) demonstriert die Wichtigkeit dieser Frage der Erzähltheorie, gerade weil sie nicht einfach zu beantworten ist (mehrere Optionen gehen durcheinander):

„Don Juan war schon immer auf der Suche nach einem Zuhörer gewesen. In mir hat er den eines schönen Tages gefunden. Seine Geschichte erzählte er mir nicht in der Ich-Form, sondern in der dritten Person. So kommt sie mir jetzt jedenfalls in den Sinn.“ (Handke 2004, S. 7).

Von der Frage nach dem Erzähler hängt wesentlich auch die Glaubwürdigkeit des Erzählten ab (handelt es sich um einen unzuverlässigen Erzähler, einen ›unreliable narrator‹?).

Leitdifferenzen

a) Autor vs. Erzähler

Selbst bei ›autobiografischen‹ Texten gilt es prinzipiell zwischen dem AUTOR (realer Mensch außerhalb des Textes) und dem fiktionalen ERZÄHLER (abstrakte Instanz innerhalb des Textes) zu unterscheiden.

b) histoire vs. discours

Unter ›histoire‹ ist der Stoff/Plot einer Geschichte zu verstehen (was sich nacherzählen lässt), während ›discours‹ die ästhetisch ausgeformte Darstellung des jeweiligen Stoffes meint (die Art und Weise des Erzählens). − Bei der Analyse des ›discours‹ sind vor allem die Zeitordnung und der Erzählmodus von Bedeutung.

 Zeitordnung

Die Analyse der Zeitordnung bezieht sich zunächst auf die Untersuchung des Tempus (bzw.- der Tempora), in dem eine Geschichte erzählt wird (Präteritum/Präsens/Futur − einheitlich oder abwechselnd). Darüber hinaus muss die Zeitordnung hinsichtlich der Chronologie des Erzählten untersucht werden: Liegt eine chronologische (= natürliche) oder eine nichtchronologische (= artifizielle) Darstellung vor?

Modus

Die von Franz K. Stanzel in seiner in den 1960/70er und 1970er Jahren entstandenen Erzähltheorie (Typische Formen des Romans, 1964; Theorie des Erzählens, 1978) unterschiedenen Erzählsituationen (auktoriale Erzählsituation, Ich-Erzählsituation, personale Erzählsituation) gelten heute als überholt.

Funktionaler, weil genauer und den verschiedensten Möglichkeiten des Erzählens ab der Moderne berücksichtigend, erweist sich das durch Gérard Genette in der französischen Literaturwissenschaft entwickelte und nachfolgend von Matias Martinez und Michael Scheffel für die deutsche Literatur adaptierte Konzept der Narratologie. Die zugrundeliegenden Zentralbegriffe sind Diegese (= erzählte Welt) und Diegesis (= dichterische Darstellung ›einer Welt‹).

Unterschieden werden hier zwei Erzählhaltungen (›wie‹ steht der Erzähler zum Geschehen?) und zwei ontologische Positionierungen des Erzählers zur erzählten Welt (von ›wo‹ aus wird erzählt?). Aus dieser Unterscheidung resultieren vier Erzählertypen:

Erzählhaltungen:

a) homodiegetisch: Erzähler ist Teil seiner erzählten Welt ( = Diegese)

b) heterodiegetisch: Erzähler ist nicht Teil seiner erzählten Welt (≠ Diegese)

Erzählebenen:

a) extradiegetisch (›erste Stufe‹): eine Geschichte wird erzählt

b) intradiegetisch (›zweite Stufe‹): in einer Geschichte wird eine Geschichte erzählt

Erzählertypen:

a) extradiegetisch-heterodiegetisch: Erzähler ›erster Stufe‹, der in seiner Geschichte nicht auftritt. Bsp.: Ein Erzähler, der nicht als Figur in der erzählten Welt agiert, erzählt von Hans Castorps Sanatoriumsaufenthalt (vgl. Der Zauberberg von Thomas Mann).

b) extradiegetisch-homodiegetisch: Erzähler ›erster Stufe‹, der in seiner eigenen Geschichte erscheint. Bsp.: Oskar Matzerath erzählt im Rückblick als Patient einer Heil-und Pflegeanstalt seine Lebensgeschichte. (Vgl. Die Blechtrommel von Günter Grass).

c) intradiegetisch-heterodiegetisch: Erzähler ›zweiter Stufe‹, der in seiner Geschichte nicht auftritt. Bsp.: Schehrezâd erzählt als Figur der erzählten Welt dem König Schahriyar eine Fabel, um nicht von ihm ermordet zu werden.  (Vgl. Tausendundeine Nacht).

d) intradiegetisch-homodiegetisch: Erzähler ›zweiter Stufe‹, der seine eigene Geschichte erzählt. Beispiel: Die Figur Balthasar erzählt seinem Freund Fabian, wie der wunderliche Zaches ihn und die Gesellschaft getäuscht hat. (Vgl. Klein Zaches genannt Zinnober von E.T.A. Hoffmann).

Die Kategorie der Fokalisierung beschreibt zusätzlich, aus welcher Sicht erzählt wird:

1) Nullfokalisierung: Erzähler > Figuren (›Übersicht‹: Erzähler sagt mehr, als irgendeine der Figuren weiß)

2) Interne Fokalisierung: Erzähler ≈ Figur (›Mitsicht‹: Erzähler sagt nicht mehr, als eine Figur weiß)

3) Externe Fokalisierung: Erzähler < Figur (›Außensicht‹: Erzähler sagt weniger, als eine Figur weiß)

Zwei Dinge sind bei der Bestimmung der Fokalisierung unbedingt zu beachten:

1. Zur Übersicht (Nullfokalisierung) lässt sich auch das Wissen des Erzählers über die Regeln und Gesetzmäßigkeiten der erzählten Welt oder über den weiteren Handlungsverlauf rechnen, denn auch hier beweist der Erzähler sein Mehrwissen gegenüber den Figuren.

2. Die Fokalisierung kann in einer Erzählung auch wechseln. Ein Erzähler, der eigentlich mehr weiß, als alle Figuren der erzählten Welt (also Nullfokalisierung) kann zur Spannungserzeugung beispielsweise die Verfolgungsjagd seines Protagonisten auch aus dessen Mitsicht (interne Fokalisierung) erzählen. Man spricht dann von einer variablen Fokalisierung im Unterschied zur festen Fokalisierung.Demnach ist es zielführender Fokalisierung nicht als grundsätzlichen Wissensstand, sondern als eine Darstellungsmöglichkeit des Erzählers zu verstehen.

Martinez/Scheffel führen als weitere Kategorie die Differenz ›faktual‹ ↔ ›fiktional‹ an. Da aber prinzipiell jedes Erzählen ›fiktiv‹ ist, bleibt diese Unterscheidung problematisch, sodass die alternative Unterscheidung ›fremdreferenziell‹ ↔ ›selbstreferenziell‹ leistungsfähiger ist (bezieht sich ein Text auf eine Wirklichkeit außerhalb dieses Textes oder auf sich selber?)

Goethe, Johann Wolfgang : Naturformen der Dichtung. In: Johann Wolfgang Goethe: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Vierzig Bände. Herausgegeben von Friedmar Apel u.a.. Abteilung I: Sämtliche Werke. Band. 3/1: West-Östlicher Divan. Herausgegeben von Hendrik Birus. Frankfurt am Main 1994 (Bibliothek deutscher Klassiker 113), S. 206–208.

Handke, Peter: Don Juan (erzählt von ihm selbst). Frankfurt am Main 2004.

Genette, Gérard: Die Erzählung. Aus dem Französischen von Andreas Knop. München 1998. Matias Martinez / Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. München 1999.