Historischer Kontext
Nach dem plötzlichen Tod Max Albertys im März 1922 wurde dringend ein neuer Intendant für das Kieler Theater gesucht. Die Wahl fiel auf den Juristen Curt Elwenspoek.
Goldmarknotgeld der Stadt Kiel von 1921
Postkarte mit Blick auf das Kieler Stadttheater um 1920
Elwenspoeks Zeit als Kieler Theaterintendant war geprägt durch die enorme wirtschaftliche Krise, in der sich Kiel nach dem Ersten Weltkrieg befand. Durch die drastisch ansteigende Inflation erfolgten immer wieder Diskussionen über Kulturkürzungen, enorme Ausgabereduzierungen bis hin zu Schließungsdebatten des Theaters. Sparmaßnahmen wurden unter anderem durch das eigene Schneidern der Kostüme ergriffen.
Curt Elwenspoek
Zwei Monate nach Albertys Tod fand die Theaterkommission mit Curt Elwenspoek einen hochkarätigen Ersatz, der den Posten des Intendanten für die Spielzeit 1922/23 füllen sollte. Der damals 37-Jährige war zuletzt als Oberregisseur in Mainz angestellt und wollte dem Kieler Theater nun frischen Wind einhauchen.[1] Dafür engagierte er den jungen Carl Zuckmayer als Dramaturgen und den noch jüngeren Albrecht Joseph als Regisseur.
Seine beiden Kollegen teilten seine Idee von einem provokanten und modernen Theater mit avantgardistischen Inszenierungen und Bühnenbildern, die die bürgerlichen Kreise schockierte. Zwar ist über Elwenspoek und seine Gedanken mangels fehlender eigener Autobiografie weitaus weniger bekannt als über Zuckmayer, doch letzterer berichtet in seiner eigenen Autobiografie davon, dass Elwenspoek einen enormen Mut und Freigeist besessen habe, mit dem er neue, gewagte und ungewöhnliche Schritte gegangen sei.[2] Dabei habe er ohne Rücksicht auf Verluste gehandelt, was ungewöhnlich für Intendanten außerhalb Berlins sei. Er liebte das Theater und die dramatische Kunst und stand bis zu seiner Entlassung am 24. März 1923 hinter seinen Ideen und dem „Jungen Kreis“, den er vor der Theaterkommission verteidigte.[3]
Die jungen Schauspieler, die Elwenspoek engagierte, standen meist am Anfang ihrer Karrieren und wurden schnell von der ambitionierten Stimmung angesteckt. So vereinte er eine seinem Idealismus folgende Truppe, die ihn bis zum Kieler Eunuchen-Skandal im Jahr 1923 begleitete und unterstützte.
Seine Arbeit als Intendant beschränkte sich allerdings nicht nur darauf, die bürokratischen Aufgaben des Theaters zu übernehmen, an denen er weniger Freude empfand.[4] Er zeigte sich auch mehrfach als Schauspieler in den von Albrecht Joseph inszenierten Stücken.
Curt Elwenspoek
Carl Zuckmayer
Carl Zuckmayer
Durch den neuen Intendanten Curt Elwenspoek engagiert, kam Carl Zuckmayer ans Kieler Theater. Kurz zuvor hatte er in Berlin herbe Karriererückschläge erlitten, weshalb er sich vor seinem Engagement in Kiel nach Norwegen zurückzog und aufgrund von Reiseproblemen etwa drei Wochen später als angekündigt seinen Posten als Dramaturg wahrnehmen konnte.[5] Auch er war gelangweilt von der zeitgenössischen Literatur und wollte durch Provokation und Avantgardismus ein ganz neues Theater schaffen.[6] Damit hatte er es in Kiel beim seiner Meinung nach „bis in den Dickdarm konservative[n]“[7] Publikum Kiels nicht leicht.
Diese Erkenntnis in Kombination mit der steigenden Inflation stellten für Zuckmayer jedoch eine gern gesehene Herausforderung dar. Er selbst bezeichnet den Theaterwinter 1922/23 als eine „fulminante Zeit“[8], die unter dem Zeichen „des Aufruhrs, des produktiven Chaos und der Pleite“ gestanden habe. Er wählte modernere „harte Brocken“[9] für den Spielplan aus und inszenierte diese auf eine Weise neu, die das Publikum entrüstete, was nicht zuletzt zu gekündigten Abonnements führte.[10]
Sein Engagement am Kieler Theater endete nicht wie das von Elwenspoek mit dem einzigen Theater-Skandal Kiels, sondern erst am 14. Mai 1923 mit dem Vorwurf der künstlerischen Schädigung des Theaters, nachdem er sich noch als Chargenspieler in den von Albrecht Joseph inszenierten Stücken versucht hatte.[11]
Nach seinem Rauswurf stand Zuckmayer die Welt des Theaters offen und es zog ihn sowohl in die Regie als auch zum Schreiben selbst. Auf seine Zeit in Kiel blickte er jedoch auch in seiner Autobiographie – die die Wahrheit gerne ein wenig zum eigenen Vorteil gestaltet – freudig und ohne Reue zurück.[12]
Albrecht Joseph
Albrecht Joseph wurde am 20. November 1901 in Frankfurt am Main geboren. Seine ersten Theatererfahrungen machte er 1919 am heimatlichen Schauspielhaus, bevor er als Regisseur am Kieler Theater engagiert wurde und dort enge Freundschaft mit Carl Zuckmayer schloss. Einige Spielzeiten verbrachte er am Kieler Theater, bevor weitere Engagements, unter anderem in Berlin, folgten. Während seiner Zeit der Promotion in München fand er seine ersten Beschäftigungen beim Film. Am 1. Mai 1933 verließ er Hitler-Deutschland und emigrierte über Stationen in Österreich, Italien und England schließlich 1938 in die USA, wo er in Hollywood unter anderem als Drehbuchautor, Filmcutter und Filmemacher arbeitete. 1991 verstarb Albrecht Joseph in Kalifornien. [13]
Albrecht Joseph
‚Zuck‘ & ‚Seppel‘
Briefwechsel zwischen Carl Zuckmayer und Albrecht Joseph
Aus den Jahren 1923 und 1924 sind mehrere Briefe erhalten, die von Zuckmayer an seinen Freund und Kollegen Albrecht Joseph (von Zuckmayer liebevoll Seppel genannt) geschrieben wurden. Über die Briefe, die handschriftlich teils auf dem eigenen Theaterpapier verfasst wurden, lassen sich neben Entwicklungen des Theaters Beziehungen zu bestimmten Schauspielerinnen und insbesondere zu Albrecht Joseph rekonstruieren. Jospeh ist für Zuckmayer nicht nur ein Kollege, sondern vielmehr ein Freund, dessen Rat und Meinung ihn auch in persönlichen Angelegenheiten interessieren. Es sind meist sehr direkte Kommentare zu bestimmten Problemen, Inszenierungen und Intrigen am Theater und zu seiner Arbeit als Dramaturg. Zuckmayers Briefe bieten einen einmaligen Blick hinter die Kulissen der Kieler Theaterszene und in die persönliche Gedankenwelt Zuckmayers eintauchen, der sich nicht selten meinungsstark über seine Arbeit und die Kieler Theaterwelt äußert. [14]
Die Briefe Zuckmayers an Joseph bezeugen nicht nur ihre tiefe und lange Freundschaft, auch die Beziehung selbst wird in den Briefen teilweise reflektiert. Besonders deutlich wird dies in einem Brief, den Zuckmayer Ende März anlässlich seiner Ausarbeitung zum Eunuchen an Joseph verfasst hat. Neben einigen Details zu vorgenommenen Änderungen am Text wendet er sich mit persönlicher Kritik direkt an Joseph:
Brief von Zuckmayer an Joseph vom 4. Januar 1923
Carl Zuckmayer auf einer Café-Terrasse
,,Joseph, mir gefällt überhaupt allerlei nicht so recht an dir in letzter Zeit. Wir müssen uns mal gründlich unterhalten wenn du wieder da bist. Ich habe eine gewisse Angst, dass Du doch für deine Jugend vielzuviel zutiefst unechte Überlegenheit aufträgst. Das geht nicht auf Dauer, denn Du glaubst schließlich selbst dran. Du kriegst mir hier – in dir Selbst meine ich vielzuviel Unfehlbarkeit. Dir müsste bei Deiner Gottähnlichkeit einmal fürchterlich bangewerden. Du hast hier auch zuviel Leute die bereits auf Deine Denk- und Sprechweis eingestellt sind, und vor allen Dingen auf Deine Unfehlbarkeit. Du müsstest viel viel mehr Widerstände haben. Es manifestiert sich bei Dir sogar häufig schon äusserlich: durch eine Art Dich zu geben die lange nicht mehr die Selbstverständlichkeit von vor Weihnachten hat. Es ist hier eine verdammt grosse Gefahr geistig-menschlicher Inzucht. Du darfst ihr nicht verfallen.“[15]
Der ,,Junge Kreis“
Mit Elwenspoek und Zuckmayer kam eine neue Dynamik ins Schauspiel des Kieler Stadttheaters. Schnell formte sich eine Gruppe junger Schauspieler*innen und Regisseure, die zusammen den ,,Jungen Kreis“ bildeten und das Kieler Theater vor allem in der Spielzeit 1922/23 mitprägten. Zuckmayer schreibt dazu in seiner Autobiografie:
Ähnlich wie damals in Heidelberg fand sich auch hier sofort ein Kreis Gleichgesinnter zusammen, ein paar junge Schauspieler beiderlei Geschlechts, ein Regisseur, ein Maler, ein Dirigent, welche wie ich entschlossen waren, von Kiel aus das Theater zu reformieren und vom Theater aus die Welt.“ [16]
Mitgliedsbuch von Ernst Busch der Bühnengenossenschaft 1922
Zum ,,Jungen Kreis“ gehörten beispielsweise die Regisseure Albrecht Joseph, Hans Alva und Gillis von Rappard, aber auch Schauspielerinnen wie Charlotte Galdern (Gaedecke), Erna Heicke, Hilda Horst oder Magdalena Nußbaum. Andere wie Ernst Busch oder Hans Söhnker wurden in dieser Zeit ebenfalls Teil des Ensembles und des ,,Jungen Kreises“. Ernst Busch war zuvor Werftarbeiter an der Kieler Werft gewesen und hatte als junger Mann den Matrosenaufstand 1918 miterlebt. Hans Söhnker, der gerade einmal 17 Jahre alt war und in der Harmsstraße am Südfriedhof wohnte, versuchte zunächst als Statist seinen Platz am Kieler Theater zu finden und Schauspieler zu werden. Durch Zufall wurde sein Talent schließlich erkannt und bald stand er gemeinsam mit Ernst Busch beispielsweise bei den Stücken Der Tod des Empedokles (Premiere 06.09.1922) oder der Kieler Erstaufführung von Der Kaufmann von Venedig (Premiere 25.03.1923) unter der Regie von Hans Alva auf der Bühne. Wie einige nachfolgende Schauspielergrößen begannen Busch und Söhnker ihre Karriere in Kiel und waren auch über ihre Engagements in Kiel hinaus miteinander befreundet.
Liliom
Das Stück Liliom, geschrieben von dem ungarischen Dramatiker Ferenc Molnár, gehörte zu den modernen zeitgenössischen Stücken, die unter Elwenspoek und Zuckmayer am Kieler Theater inszeniert wurden. Liliom war in deutscher Sprache 10 Jahre zuvor am Berliner Lessing-Theater uraufgeführt worden und erlebte nach anfänglichem Misserfolg einen Durchbruch auf den deutschen Theaterbühnen. So wurde es beispielsweise 1922, ein Jahr vor Kiel, im Theater am Kurfürstendamm in Berlin gezeigt.
Im Zentrum der Geschichte steht Liliom, ein grober und ungehobelter Mann der Budapester Unterschicht. Er ist bei der Karussellbesitzerin Muskat angestellt, mit der er auch eine Liebesbeziehung führt. Nachdem er sich in das Dienstmädchen Julie verliebt hat, kündigt er seine Arbeit und heiratet dieselbe. Liliom ist nun arbeitslos und wird trotz seiner Liebe gewalttätig gegenüber Julie. Als diese dann ein Kind erwartet, lässt sich Liliom von dem zwielichtigen Fiscur zu einem Raubüberfall überreden, um an Geld zu kommen. Doch der Überfall misslingt, und während Fiscur entkommt, ersticht sich Liliom mit dem mitgebrachten Messer, woraufhin er kurz darauf verstirbt. Vor einem göttlichen Gericht übernimmt Liliom dann Verantwortung für seinen Selbstmord und darf nach 16 Jahren für fünf Tage auf die Erde zurückkehren. Als Bettler verkleidet, besucht Liliom Julie und seine Tochter Luise und erzählt letzterer von ihrem Vater. Julie, die ihren Mann nicht erkennt, verweist ihn des Hauses.
Repertoireliste von Charlotte Galdern von 1925. Im Verzeichnis lassen sich auch Rollen wiederfinden, die sie in ihrer Karriere in Kiel verkörperte. Unter anderem ,,Frau Muskat“ in Liliom und ,,Thais“ in den Eunuchen
Rosa Grawz 1923
Liliom wurde in Kiel von Carl Zuckmayer inszeniert und am 21. Januar 1923 erstaufgeführt. Obgleich kaum Material zum Stück und seiner Kieler Inszenierung erhalten sind, erfahren wir über einen Brief von Zuckmayer an Albrecht Joseph vom 4. Januar 1923 etwas mehr über die Vorgänge hinter den Kulissen.[17] In diesem Brief empört sich Zuckmayer über die mangelnde Arbeitsmoral – vor allem der alteingesessenen Schauspieler – und den internen Kampf um vielversprechende Rollen.
Unzufriedenheiten seines Ensembles begegnet er mit Umbesetzungen, so beispielsweise auch bei der Rolle der Frau Muskat. Diese Rolle gibt er nach vorausgegangenen Auseinandersetzungen mit Rosa Grawz und Magarethe Wassmann der jungen Schauspielerin Charlotte Galdern, die ebenfalls zum „Jungen Kreis“ gehört. Auch Ernst Busch ist Teil der Besetzung und steht unter anderem als Polizist auf der Bühne. Über die Reaktion des Kieler Publikums auf dieses zeitgenössische Stück ist nichts bekannt. Zuckmayer selbst hatte aber nur geringe Erwartungen an die Wirkung des Stücks:
„Der ‚Liliom‘ wird natürlich, ob er gut oder schlecht wird, nicht die Inszenierung sein, mit der E. (Elwenspoek) meine Unentbehrlichkeit beweisen kann: dazu ist das Stück zu outsiderisch, und als Theater zu konventionell.“ [18]
Der Theaterskandal 1923
Wesentlich ‚unkonventioneller‘ und skandalträchtiger gestaltete sich dann die Inszenierung von Der Eunuch im Jahr 1923, die in der Folge als ‚Kieler Theaterskandal‘ oder auch ‚Zuckmayer-Skandal‘ in die Theatergeschichte eingegangen ist.
Dieser Theaterskandal gehört zu den aufsehenerregendsten Ereignissen der Weimarer Theatergeschichte, da die Inszenierung eine Welle der Empörung auslöste und letztlich zur Entlassung des Regisseurs und seines Intendanten führte. Doch was machte dieses Stück so skandalös? Und warum kam es zu einem derart heftigen Eklat?
Carl Zuckmayer machte aus der antiken Komödie Der Eunuch von Terenz keine einfache Neuinterpretation, sondern eine gewagte, provokante Inszenierung. Er verband derbe Erotik mit scharfzüngiger Gesellschaftssatire und politischen Seitenhieben. Besonders aufsehenerregend war die Darstellung des Feldherrn Thraso und seines Parasiten Gnatho, die mit Masken von Hindenburg und Ludendorff auftraten[19] – eine scharfe Satire auf die deutsche Militärführung jener Zeit.
Doch das eigentliche Aufsehen erregte der Auftritt der Sklavin Pamphila. Sie betrat fast nackt die Bühne, nur ein dünner Schleier um ihre Hüften verhüllte sie. Ihr Körper war kunstvoll bemalt: „als geraubte Jungfrau und Sklavin der Thais nackt über die Bühne geführt, nur mit einem Schleier um die Hüften, ihre Brüste waren orange geschminkt und um den Nabel eine Sonne mit blauen Strahlen“.[20] Der entscheidende Moment kam, als sie sich dem Publikum zuwandte und auf die Frage „Woher kommst du, schönes Kind?“ mit „Aus Lesbos“ antwortete.[21] Diese zweideutige, aber für damalige Verhältnisse gewagte Anspielung löste einen Tumult aus – der Vorhang fiel unter lautstarken Protesten und jubelndem Beifall.
Zuckmayer und Intendant Curt Elwenspoek wussten, dass ihre Tage am Kieler Theater gezählt waren. Ihre fortschrittliche Programmgestaltung hatte ihnen viele Feinde eingebracht, nicht zuletzt durch die Aufführung von Bertolt Brechts Baal, das von konservativen Kreisen als „Schweinkram“[22] abgetan wurde. Statt sich leise zurückzuziehen, entschieden sie sich für einen großen Knall. „Nicht lautlos, sondern mit einem Riesen-Eklat“[23] sind die beiden dann auch wirklich abgetreten.
Ein Teil dieser Strategie war es, gezielt eine Schauspielerin für die Rolle der Pamphila auszuwählen, die, so Zuckmayer später, „total unbegabt, aber berauschend hübsch gewachsen war“[24]. Ihr Auftritt war eine bewusst inszenierte Provokation – und die Wirkung ließ nicht auf sich warten. Schon in der Nacht der Generalprobe tagte der Stadtrat in einer Sondersitzung. Die Premiere wurde abgesagt, das Theater von der Polizei geschlossen. Elwenspoek wurde fristlos entlassen – offiziell „wegen Aufsässigkeit, Unbotmäßigkeit und völliger künstlerischer Unfähigkeit“ [25]. Zuckmayer blieb hingegen als Dramaturg weiterhin im Amt, bis auch er im Mai 1923 das Kieler Theater verlassen muss.
Die Presse stürzte sich auf den Skandal. Während konservative Blätter den Verfall der Moral beklagten, sahen liberale Kritiker in der Absetzung des Stücks eine Zensurmaßnahme. Das Theater war plötzlich zum Schauplatz eines gesellschaftspolitischen Machtkampfs geworden: Hier prallten traditionelle Moralvorstellungen auf eine neue, experimentierfreudige Kunstbewegung. Für Zuckmayer hatte der Skandal zunächst negative Konsequenzen. Er musste Kiel verlassen, doch langfristig schadete ihm der Vorfall nicht. Im Gegenteil: Nur zwei Jahre später feierte er mit Der fröhliche Weinberg einen riesigen Erfolg und wurde einer der bekanntesten Dramatiker Deutschlands.[26]
Die Niederdeutsche Bühne Kiel (NBK)
Neben dem Betrieb im Stadttheater in Kiel wächst in den Jahren 1922–1924 auch die Niederdeutsche Bühne in Kiel heran. Diese war in Form eines Vereins zuvor im Jahr 1921 von Prof. Dr. Otto Mensing gegründet worden, der in vielen Stücken auch selbst auftrat oder Regie führte.[27]
Dabei hatte Mensing den Hintergedanken, das Repertoire nicht nur auf die für die Laienbühne des Niederdeutschen typischen Lustspiele, Schwänke und Komödien auszurichten, sondern auch ernstere Dramen aufzunehmen.
Auf diese Versuche reagiert die Kritik begeistert und feiert die Niederdeutsche Bühne für ihre aufrichtige Darstellung, denn ebendiese „fehlt heute, und ist sie einmal da, gibt es eine Sensation oder einen Skandal“.[28] Es sei mehr, als verließe man ein Theater in Athen und frage sich nicht wie als „moderner Bürger […] nach einem Wedekind, Strindberg, Shaw oder Hasencleverabend […]: ,Darf ich dieses Stück meine Tochter, meine Schwester, meine Braut sehen lassen?‘“[29]
Somit stand die frisch entstandene Laienbühne, auf der auch viele Schauspieler*innen des Kieler Theaters mitwirkten, der Stadttheaterbühne entgegen, die mit immer härteren Brocken und avantgardistischeren Inszenierungen das Publikum zu schockieren versuchte. Diese Meinung vertrat Mensing wohl auch in der Theaterkommission. Denn in einem seiner Briefe an Joseph Albrecht wirft Zuckmayer Mensing vor, aktiv gegen ihn zu hetzen und dabei sogar andere anzustacheln.[30]
Letztendlich hat Mensing diesen ‚Kampf‘ gewonnen: Er blieb bis zur Spielzeit 1933/34 Bühnenleiter der Niederdeutschen Bühne, die trotz vieler Probleme und Ortswechsel bis heute in Kiel besteht.
Aufführung von De rode Uennerrock – Hermann Boßdorf; Spielzeit 1922/23
Die Niederdeutsche Bühne am Wilhelmplatz
Die Intendanz Hans Brockmanns (1923–1924)
Nach der Entlassung Curt Elwenspoeks wurde im Juli 1923 der 1893 in Bochum geborene Schauspieler Hans Brockmann zum neuen Intendanten in Kiel ernannt. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger war er allerdings kaum provokativ, sondern Verfechter eines klassisch- konservativen Spielplans. Brockmanns Intendanz erwies sich jedoch als relativ erfolglos, sie wurde im Nachhinein als „glückloses Zwischenspiel“[31] beschrieben.
In den Kieler Nachrichten vom 22.05.1924 erfolgte eine Berichterstattung über die Probleme des Kieler Theaters zu jener Zeit. Hierzu wird geschrieben:
„Die nächste Spielzeit der Kieler städtischen Bühnen hat eine Zuschrift der Theaterkommission zum Gegenstand, in der es u. a. heißt: Die Kommission verschießet sich nicht der Befürchtung, dass die nächste Spielzeit wirklich die letzte Spielzeit der vereinigten städtischen Theater zu Kiel ist, falls es nicht gelingt, die Theaterfreunde in erheblich größerem Umfange als bisher in die Theater zu ziehen. Falls die Kieler Theater in Zukunft trotz des breitwilligst von den städtischen Kollegien bewilligten großen Zuschusses nicht fortgeführt werden können, ist eine der Hauptaufgaben des Wiederaufbaues der Stadt Kiel, der kulturelle Aufbau, erledigt. – Für die nächste Spielzeit ist von dem Intendanten Hartmann ein fast ausschließlich neuer Künstlerkreis in der Oper wie im Schauspiel gewonnen. Einige bewährte Kräfte verbleiben neben den neu verpflichteten Darstellern. Der Intendant selbst übernimmt die oberste künstlerische Leitung und hat im Interesse guter Opernvorstellungen eine wesentliche Verstärkung des Orchesters und des Chores bewilligt erhalten. Daneben wird auch ein Ballett geschaffen.“
Obwohl dieser Zeitungsausschnitt während der Amtszeit Brockmanns veröffentlicht wurde, wurde der auf ihn folgende Intendant Hartmann bereits namentlich erwähnt, denn das Ende der Amtszeit Brockmanns stand zu diesem Zeitpunkt bereits fest. „Um eine Krise zu vermeiden“[32], beschloss die Theaterkommission, keine öffentliche Stellenausschreibung vorzunehmen, sondern auf Empfehlungen hin einen neuen Intendanten zu ernennen. So war während der Amtszeit Brockmanns bereits klar, dass der „Opernfachmann“[33] Dr. Georg Hartmann die Nachfolge antreten würde.
Brockmanns Amtszeit endete schließlich im Juni 1924. Unzureichende persönliche Voraussetzungen und fehlende Vorerfahrungen erschwerten seinen Erfolg, sodass es sowohl von Seiten des Publikums als auch von Theaterangestellten zu Petitionen und Protesten gegen Brockmann kam und das Ende seiner Amtszeit eingefordert wurde. Hans Brockmann selbst gab nach vorausgegangenen kurzzeitigen Niederlegungen sein Amt im Juni 1924 dann endgültig ab.[34]
Quellennachweise
Fußnoten
[1] Vgl. Hruschka 2007, S. 44.
[2] Vgl. Zuckmayer 1966, S. 355f.
[3] Vgl. ebd., S. 361f.
[4] Vgl. ebd., S. 360.
[5] Vgl. Nickel/Weiß 1996, S. 65f.
[6] Vgl. Zuckmayer 1966, S. 360.
[7] Ebd., S. 362.
[8] Ebd., S. 366.
[9] Ebd. S.361.
[10] Vgl. ebd. S.362.
[11] Vgl. Nickel/Weiß 1996, S.72.
[12] Vgl. Zuckmayer 1966, S. 366f.
[13] Informationen über seinen Lebensweg aus: Albrecht, Joseph: Regisseur am Kieler Theater 1922/23. Aus den Erinnerungen „Ein Tisch bei Romanoffs“: in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte. Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte. – Kiel: Ges. für Kieler Stadtgeschichte 1877. Band 77 (1994), S. 281–296.
[14] Vgl. Briefe in Nickel 2007.
[15] Vgl. Brief vom März 1923, Nickel 2007, S. 22–25.
[16] Nickel 2014, S.153.
[17] Vgl. Nickel 2007, 16–19.
[18] Vgl. Nickel 2007, 18–19.
[19] Vgl. Nickel 1997, S. 106.
[20] Schoenmakers 2009, S. 148.
[21] Vgl. Nickel 1997, S. 107.
[22] Schoenmakers 2009, S.148.
[23] Schoenmakers 2009, S. 148.
[24] Schoenmakers 2009, S. 148.
[25] Schoenmakers 2009, S. 148.
[26] Vgl. Nickel 1997, S. 114.
[27] Vgl. Molzow 2020, S. 1758
[28] Erste Zeitungskritik zur Eröffnung der Niederdeutschen Bühne Kiel, Stadtarchiv Kiel, Kieler Zeitung, 11.04.1921.
[29] Ebd.
[30] Vgl. Brief vom 04. Januar 1923.
[31] Carl 2008, S. 52.
[32] Hruschka 2007, S. 46.
[33] Ebd.
[34] Vgl. Carl 2008, S. 52.
Literaturverzeichnis
Carl, Rolf-Peter S.: Vorhang auf! Theater in Schleswig-Holstein. Hrsg.: Carl, Rolf-Peter. S. 46-53. Boyens Buchverlag. Heide 2008.
Hensel, Georg: Theaterskandale und andere Anlässe zum Vergnügen. Stuttgart 1983.
Hruschka, Ole (Hrsg.): Halte fest, was dir von allem übrigblieb. 100 Jahre Theater am Kleinen Kiel. Hrsg.: Ole Hruschka. Ludwig Verlag. Kiel 2007.
Nickel, Gunther / Weiß, Ulrike: Carl Zuckmayer 1896- 1977, “Ich wollte nur Theater machen”: eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs in Verbindung mit der Stadt Mainz und dem Land Rheinland- Pfalz im Schiller- Nationalmuseum Marbach und im Rathaus der Stadt Mainz. Hrsg. v. Ulrich Ott, Friedrich Pfäfflin, hrsg. v. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar 1996, S. 53 – 73.
Nickel, Gunther: Carl Zuckmayer – Joseph Albrecht. Briefwechsel 1922-1972. Zuckmayer Schriften. Wallstein Verlag Göttingen 2007.
Nickel, Gunther. Carl Zuckmayers Autobiographie Als wärs ein Stück von mir – eine Erkundung. Erschienen in: Carl Zuckmayers Autobiographie. Eine Erkundung und andere Beiträge zur Zuckmayer Forschung. Zuckmayer-Jahrbuch Band 12. 2013/2014. Hrsg.: Nickel, Gunther & Rotermund, Erwin. Wallstein Verlag. Göttingen 2014. S. 9-26
Molzow, Hartwig: Otto Mensing in: BioLex Digital. Biographisches Lexikon für Schleswig Holstein und Lübeck. Band 11, Hg. v. Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek, Walchholtz Verlag. Kiel 2020. S. 1756 – 1760.
Schoenmakers, Henri: Skandal im Theatersaal – Der Reigen von Kontrollinstanzen. In: Ursula Rautenberg; Volker Titel: Alles Buch. Studien der Erlanger Buchwissenschaft. XXXIII. Universität Erlangen-Nürnberg 2009, S. 148.
Zuckmayer, Carl. Als wärs ein Stück von mir: Horen der Freundschaft. S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main. 1966.
Informationen über seinen Lebensweg aus: Albrecht, Joseph: Regisseur am Kieler Theater 1922/23. Aus den Erinnerungen „Ein Tisch bei Romanoffs“: in: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte. Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte. – Kiel: Ges. für Kieler Stadtgeschichte 1877. Band 77 (1994), S. 281-296.














