Lyrik: Stilebenen

Aufgabe: Untersuchen Sie, wie viel Aufwand der folgende Text auf sprachlicher Ebene treibt (Form, Tropen, Figuren etc.) und versuchen Sie, eine Wirkungsabsicht zu formulieren.

Martin Opitz: Sonnet XXI. – Francisci Petrarchae.

ISt Liebe lauter nichts / wie daß sie mich entzündet?
Ist sie dann gleichwol was / wem ist ihr Thun bewust?
Ist sie auch gut vnd recht / wie bringt sie böse Lust?
Ist sie nicht gut / wie daß man Frewd’ auß jhr empfindet?

Lieb’ ich ohn allen Zwang / wie kan ich schmertzen tragen?
Muß ich es thun / was hilfft’s daß ich solch Trawren führ’?
Heb’ ich es vngern an / wer dann befihlt es mir?
Thue ich es aber gern’/ vmb was hab’ ich zu klagen?

Ich wancke wie das Graß so von den kühlen Winden
Vmb Vesperzeit bald hin geneiget wird / bald her:
Ich walle wie ein Schiff das durch das wilde Meer

Von Wellen vmbgejagt nicht kan zu Rande finden.
Ich weiß nicht was ich wil / ich wil nicht was ich weiß:
Im Sommer ist mir kalt / im Winter ist mir heiß.

→ Der Text treibt einen sehr hohen sprachlichen Aufwand, indem er die Form eines Sonetts wählt und fast alle verfügbaren rhetorischen Figuren (Anapher, Chiasmus, Parallelismus usw.) und Tropen (Personifikation, Synekdoche usw.) verwendet. Angezeigt wäre also die höchste Stilebene, die jedoch dem argumentierenden Aufbau kontrastiert. Man ist nicht wirklich gerührt, wenn man das Gedicht liest, weil es viel zu sehr an die Ratio appelliert und viel zu wenig an die Affekte. Der aporetische (d.h. paradoxe) Schluss unterläuft aber auch den rein belehrenden Charakter des Textes; das Gedicht ist weder einfach, noch lässt sich eine eindeutige Lehre daraus ziehen. Die Stilebene wäre folglich eine mittlere, der Text soll gewinnen und erfreuen, weil es in eleganten Alexandrinern die Unbeschreiblichkeit des Gefühls der Liebe beschreibt. Insofern handelt sich um einen gelehrten Spaß, wenn man so will. Opitz zeigt in seiner Übersetzung des Gedichts von Petrarca, dass er ein poeta doctus ist, ein gelehrter Dichter, der sich souverän im Medium der Poesie bewegen und gleichzeitig über Poesie urteilen kann.