Lyrik: Aufbau

Aufgabe 1: Bestimmen Sie das Versmaß!

Andreas Gryphius: Thränen des Vaterlandes (Auszug)

Wir sind doch nunmehr gantz ja mehr denn gantz verheeret!
Der frechen Völcker Schaar die rasende Posaun
Das vom Blutt fette Schwerdt die donnernde Carthaun
Hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrath auffgezehret.

Johann Wolfgang Goethe: Natur und Kunst (Auszug)

Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen
Und haben sich, eh man es denkt, gefunden;
Der Widerwille ist auch mir verschwunden,
Und beide scheinen gleich mich anzuziehen.

Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise (Auszug)

Denn was ich höchstens Dir gestehen könnte,
Wär, dass es mich – mich selbst befremdet, wie
Auf einen solchen Sturm in meinem Herzen
So eine Stille plötzlich folgen können.


Aufgabe 2: Bestimmen Sie die Strophenform!

Hugo von Hofmannsthal: Ballade des äußeren Lebens (Auszug)

Und süße Früchte werden aus den herben
und fallen nachts wie tote Vögel nieder
und liegen wenig Tage und verderben.

Und immer weht der Wind, und immer wieder
vernehmen wir und reden viele Worte
und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.

Matthias Claudius: Abendlied (Auszug)

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Johann Wilhelm Süvern: Wiedergeburt (Auszug)

Ins Dunkel will des Jahres Licht sich neigen;
Des Lebens heiße Glut, sie kehret wieder
In ew’gen Feuers Schooß zurück; es schweigen,
Die sie entzündet, schon im Hain die Lieder;
Die Liebe flieht, und kalt entlöst den Zweigen
Sich mattes Laub, der Blumen Schmuck sinkt nieder.
Das Herz erstirbt, die Adern sind verschlossen,
Worin Gedeihn und Kraft sich frisch ergossen.


Aufgabe 3: Bestimmen Sie die Gedichtform!

Bertolt Brecht: Das Moritat von Mackie Messer

Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht.

Ach, es sind des Haifischs Flossen
Rot, wenn dieser Blut vergießt.
Mackie Messer trägt ‘nen Handschuh
Drauf man keine Untat liest.

An ‘nem schönen blauen Sonntag
Liegt ein toter Mann am Strand
Und ein Mensch geht um die Ecke
Den man Mackie Messer nennt.

Und Schmul Meier bleibt verschwunden
Und so mancher reiche Mann
Und sein Geld hat Mackie Messer
Dem man nichts beweisen kann.

Jenny Towler ward gefunden
Mit ‘nem Messer in der Brust
Und am Kai geht Mackie Messer
Der von allem nichts gewußt.

Und das große Feuer in Soho
Sieben Kinder und ein Greis –
In der Menge Mackie Messer, den
Man nicht fragt und der nichts weiss.

Und die minderjährige Witwe
Deren Namen jeder weiss
Wachte auf und war geschändet –
Mackie, welches war dein Preis?

Andreas Gryphius: Verleugnung der Welt

Was frag ich nach der welt! sie wird in flammen stehn:
Was acht ich reiche pracht: der Todt reißt alles hin!
Was hilfft die wissenschafft/ der mehr denn falsche dunst?
Der liebe Zauberwerck ist tolle Phantasie:
Die wollust ist fürwar nichts alß ein schneller Traum;
Die Schönheit ist wie Schnee’/ diß Leben ist der Todt.

Diß alles stinckt mich an/ drumb wündsch ich mir den Todt!
Weil nichts wie schön vnd starck/ wie reich es sey/ kan stehn
Offt/ eh man leben wil/ ist schon diß Leben hin.
Wer Schätz’ vnd Reichthumb sucht: was sucht er mehr alß dunst.
Wenn dem/ der Ehrenrauch entsteckt die Phantasie.
So traumt jhm wenn er wacht/ er wacht vñ sorgt im traum.

Auff meine Seel/ auf! auf! entwach auß diesem traum/
Verwirff was jrrdisch ist/ vnd trotze Noth vnd Todt!
Was wird dir/ wenn du wirst für jenem throne stehn/
Die welt behülfflich seyn? wo dencken wir doch hin?
Was blendet den verstandt? soll dieser leichte dunst
Bezaubern mein gemüth mit solcher Phantasie?

Biß her! vnd weiter nicht! verfluchte Phantasie!
Nichts werthes Gauckelwerck. Verblendung-voller traum/
Du schmertzen-reiche Lust! du folter-hartter Todt!
Ade! ich wil nunmehr auf freyen Füssen stehn
Vnd tretten was mich tratt! Ich eyle schon dahin;
Wo nichts als warheit ist. Kein bald verschwindent dunst.

Treib ewig helles Licht der dicken Nebel dunst
Die blinde Lust der welt: die tolle Phantasie
Die flüchtige begierd’ vnd dieser gütter traum
Hinweg vnd lehre mich recht sterben vor dem Todt.
Laß mich die eitelkeit der Erden recht verstehn
Entbinde mein gemüth/ vnd nimb die Ketten hin.

Nimb was mich vnd die welt verkuppelt! nimb doch hin
Der Sünden schwere Last: laß ferner keinen dunst
Verhüllen mein Gemütt/ vnd alle Phantasie
Der Eitel-leren welt sey für mir alß ein traum/
Von dem ich nun erwacht! vnd laß nach diesem tod
Mich vnerschrocken Herr/ für deinem Andlitz stehn.

Martin Opitz: Sonnet XXI. – Francisci Petrarchae.

ISt Liebe lauter nichts / wie daß sie mich entzündet?
Ist sie dann gleichwol was / wem ist ihr Thun bewust?
Ist sie auch gut vnd recht / wie bringt sie böse Lust?
Ist sie nicht gut / wie daß man Frewd’ auß jhr empfindet?

Lieb’ ich ohn allen Zwang / wie kan ich schmertzen tragen?
Muß ich es thun / was hilfft’s daß ich solch Trawren führ’?
Heb’ ich es vngern an / wer dann befihlt es mir?
Thue ich es aber gern’/ vmb was hab’ ich zu klagen?

Ich wancke wie das Graß so von den kühlen Winden
Vmb Vesperzeit bald hin geneiget wird / bald her:
Ich walle wie ein Schiff das durch das wilde Meer

Von Wellen vmbgejagt nicht kan zu Rande finden.
Ich weiß nicht was ich wil / ich wil nicht was ich weiß:
Im Sommer ist mir kalt / im Winter ist mir heiß.

Matsuo Bashô: Frosch

Der alte Weiher:
Ein Frosch springt hinein.
Oh! Das Geräusch des Wassers.

August von Platen: Jahre schwanden

Jahre schwanden, dieser Busen ist von Liebe rein gewesen,
Was ihn wieder hat befangen, ist ein Becher Wein gewesen:
Lenzeshauch aus goldnen Locken lockte mich in ehrne Bande,
Denn ihr Anbeginn ist Irrtum, und ihr Ende Pein gewesen:
An bemalten Schaugerichten wollt ich meinen Hunger stillen,
Aber was mir Brot geschienen, ist ein kalter Stein gewesen:
Gold und Silber wollt ich fördern auf im Traum gesehnen Plätzen,
Aber, was ich ausgegraben, ist ein morsch Gebein gewesen.
Will mich dennoch, aus der Ferne, deine Huld und Milde segnen,
Soll mir teurer sein die Trennung, als es der Verein gewesen;
Flattersinnig, unbeständig ließ ich zwar das Auge schweifen,
Doch es ist das Herz im stillen, ganz im stillen dein gewesen:
Was zu dir mich hingezogen, war Geschick und Gegenliebe,
Was an Jene mich gefesselt, ist ein falscher Schein gewesen;
Richte nicht zu streng die Lieder, die ich nicht an dich gerichtet,
Freilich, solcher Lieder würdig wärst du ganz allein gewesen!